Myanmar: Wie aus dem Putsch ein landesweiter Krieg wurde

Warum herrscht in Myanmar Krieg? Ein Überblick über die lange Militärherrschaft, den Putsch vom 1. Februar 2021, die Widerstandsgruppen und die Lage der Rohingya.

Von Herold Deutschland4 Min. Lesezeit
Yangon in Myanmar. Archivaufnahme von 2020.

Yangon in Myanmar. Archivaufnahme von 2020.© GTSPACE https://commons.wikimedia.org/wiki/User:GTSPACE · Yangon City.jpg · CC BY-SA 4.0 · https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Yangon_City.jpg · Zuschnitt 16:9; verkleinert; Bildfassung unter derselben Lizenz

Yangon in Myanmar. Archivaufnahme von 2020.© GTSPACE · CC BY-SA 4.0 · zugeschnitten, verkleinert · Bildinfos

Der Krieg in Myanmar hat einen entscheidenden Einschnitt: Am 1. Februar 2021 putschte das Militär gegen die gewählte zivile Führung. Doch die Konflikte des Landes sind viel älter. Wer heute gegeneinander kämpft, streitet nicht nur über die nächste Regierung. Es geht auch darum, wie viel Macht die Armee behalten soll und wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in einem Staat zusammenleben können.

Das Militär herrschte schon lange vor 2021

1962 übernahm General Ne Win durch einen Putsch die Macht. Es folgten Jahrzehnte, in denen das Militär Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beherrschte. Gleichzeitig kämpften bewaffnete Gruppen verschiedener ethnischer Minderheiten gegen die Zentralmacht. Sie forderten Schutz ihrer Rechte und mehr Selbstbestimmung.

In den 2010er-Jahren öffnete sich das Land teilweise. Die Nationale Liga für Demokratie, kurz NLD, konnte nach den Wahlen von 2015 Regierungsverantwortung übernehmen. Aung San Suu Kyi wurde zur prägenden zivilen Politikerin. Eine uneingeschränkte Demokratie war das dennoch nicht: Das Militär behielt weitreichende Rechte und Einfluss.

Was beim Putsch geschah

Nach dem deutlichen Wahlerfolg der NLD im November 2020 behauptete das Militär Wahlbetrug. Am 1. Februar 2021 setzte es die zivile Führung ab und nahm Politiker fest. Für die Bevölkerung war damit die Hoffnung auf einen weiteren demokratischen Übergang abrupt beendet.

Viele Menschen reagierten mit Demonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam. Die Sicherheitskräfte gingen mit Gewalt gegen Proteste vor. Teile des Widerstands griffen anschließend selbst zu Waffen. Aus der politischen Krise entstand ein Krieg, der sich mit schon bestehenden bewaffneten Konflikten verband.

Warum es mehr als zwei Seiten gibt

Dem Militär stehen unterschiedliche Kräfte gegenüber. Dazu gehören die Nationale Einheitsregierung als zivile Gegenregierung, örtliche Volksverteidigungskräfte und schon länger bestehende ethnische bewaffnete Organisationen. Manche arbeiten zusammen, andere verfolgen eigenständige Ziele. Sie bilden deshalb keine einheitliche Gegenarmee mit einem gemeinsamen politischen Programm.

Für viele ethnische Gruppen ist regionale Selbstbestimmung zentral. Eine Rückkehr zur Ordnung vor dem Putsch allein würde ihre alten Konflikte mit dem Zentralstaat nicht lösen. Zu den diskutierten Alternativen gehören föderale Strukturen: Regionen sollen eigene Rechte erhalten, statt vollständig von einer starken Zentrale abhängig zu sein.

Geht es also nur um Demokratie gegen Diktatur?

Der Kampf gegen Militärherrschaft und für politische Freiheit ist ein wesentlicher Teil des Konflikts. Dazu kommen aber seit Langem Streitfragen über Minderheitenrechte, Land und regionale Macht. Ein tragfähiger Frieden müsste beides berücksichtigen.

Rakhine und die besonders bedrohten Rohingya

Im westlichen Bundesstaat Rakhine kämpft die Arakan Army gegen das Militär und strebt weitgehende Selbstbestimmung an. Gleichzeitig lebt dort die muslimische Minderheit der Rohingya, die seit Langem Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt ist. Viele Menschen flohen nach Bangladesch. Sie stehen oft zwischen bewaffneten Akteuren, ohne selbst Schutz zu erhalten.

UN-Menschenrechtschef Volker Türk warnte im September 2026 ausdrücklich vor fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen sowohl durch das Militär als auch durch die Arakan Army. Das ist wichtig: Wer gegen das Militär kämpft, hält nicht automatisch die Rechte aller Bevölkerungsgruppen ein.

Warum Verhandlungen so schwierig sind

Die südostasiatische Staatengemeinschaft ASEAN einigte sich schon im April 2021 auf fünf Punkte. Sie verlangte ein Ende der Gewalt und einen Dialog aller Beteiligten. Ein Sondergesandter sollte vermitteln, humanitäre Hilfe sollte ermöglicht werden. Der Beschluss zeigt, dass es früh einen diplomatischen Ansatz gab.

Ein solcher Plan setzt jedoch voraus, dass bewaffnete Akteure ihn umsetzen und die betroffene Bevölkerung mitreden kann. Bei unterschiedlichen regionalen Zielen reicht eine Vereinbarung zwischen wenigen Spitzenpolitikern kaum aus. Ebenso wenig lässt sich aus der Kontrolle einer einzelnen Stadt schon ein Ende des landesweiten Konflikts ableiten.

Kann man Menschen einfach nach Myanmar zurückschicken?

Das UN-Menschenrechtsbüro warnte am 29. September 2026 angesichts geplanter Rückführungen aus Malaysia vor der unsicheren Lage. Ob eine einzelne Rückführung zulässig ist, hängt von der konkreten Schutzbedürftigkeit und den geltenden rechtlichen Regeln ab. Aus einer politischen Ankündigung folgt keine Sicherheit für die Betroffenen.

Wie Verantwortung später geklärt werden kann

Der unabhängige UN-Ermittlungsmechanismus für Myanmar sammelt und sichert Beweise für mögliche schwere internationale Verbrechen. Er wurde 2018 geschaffen und kann sich mit Taten seit 2011 befassen. Zu seinen aktuellen Untersuchungen gehört der tödliche Angriff nahe einem Markt in Kyauktaw vom 28. September 2026.

Der Mechanismus ist kein Gericht. Seine Arbeit soll zuständige Gerichte dabei unterstützen, Verantwortung zu prüfen. Das ersetzt keinen sofortigen Schutz der Bevölkerung, kann aber helfen, dass schwere Verbrechen später nicht unbelegt und folgenlos bleiben.

Neue Kämpfe in Myanmar: Zivilisten in Rakhine unter Druck

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